Leo

Leo, der junge Mann, der das Pferd hält, auf dem ich sitze, war damals gerade mal Anfang 20. Als Kinder waren wir mehrere Male im Jahr bei unserer Verwandtschaft auf dem Land. Ihr Bauernhof liegt in einem Weiler abgelegen auf einem Hügel im Landkreis Gunzenhausen, und als Kind habe ich mich immer auf die Besuche dort gefreut.

Einmal, als mein Vater beruflich in Israel war und meine Mutter ihn begleitete, waren wir mehr als eine Woche dort. Die Zeit hat mir und meiner Schwester einen kleinen Einblick in die Arbeit auf einem Bauernhof gegeben und wir schnupperten rein in Kartoffel- und Mais-Ernte, Kühe melken, Stall ausmisten, Kühe, Schweine, Hühner und Kaninchen füttern. Auf einem Feldweg durfte ich sogar selbst ans Steuer des Bulldogs und meinen ersten motorisierten Fahrversuche wagen. Der Hof und die Wiesen und Wälder in der Nähe waren für mich und die beiden Söhne aber auch Abenteuerspielplatz.

Trotz der Herzlichkeit, mit denen uns dort von allen drei auf dem Hof lebenden Generationen begegnet wurde, blieb es für uns Kleinstädter aber ein fremde Welt, die so völlig anders als unsere war. Später, als Erwachsene, zogen meine Schwester und ich weg aus dem Nürnberger Umland und wir waren nur noch selten dort zu Besuch. Geblieben sind die Erinnerungen an die eigenen Erlebnisse und an die Menschen dort.

Kurz vor Weihnachten ist Leo gestorben. Alleine, im Krankenhaus auf einer Isolierstation, mit einer Corona-Infektion.


Foto: W. Eckstein

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Schneeruhe
Liebe Reikia
1. Dezember