Im Bus nach Casablanca

Auf meiner zweiten Marokko-Reise im Oktober 2014 war ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Mit dem Linienbus ging es von Marrakesch, meinem Ankunftsort, nach Essaouira an der Atlantik-Küste und von dort aus weiter nach Casablanca.

Aus meinen Reisetagebuch und Erinnerungen aus dieser Zeit ist schon vor drei Jahren der erste Teil des folgenden Textes entstanden. Ich entdeckte ihn beim Stöbern auf meinem Rechner wieder, Erinnerungen und Bilder wurden wach – und das Bedürfnis, den Text um den Rest der Busreise zu ergänzen.

Im Bus

Zwei Strecken bin ich in Marokko mit dem Bus gefahren: die erste, von Marrakesch nach Essaouira war relativ unspektakulär: ein moderner Reisebus, numerierte Sitzplätze, bequem und voll klimatisiert. Die Klimaanlage im Bus hat für einen der wenigen Momente gesorgt, an denen ich froh über meine warme Fliessjacke war, die sonst nur unnütz zwischen den Gummibändern meines Rucksacks hing. Nur die kurze Pause nach etwa der Hälfte der Fahrt bot ein wenig Abwechslung: ein paar Häuser am Straßenrand, ein einfaches Restaurant mit Toilette. Ansonsten führte die Fahrt ereignislos durch eine karge Landschaft von der “roten Stadt” bis an den Atlantik in das ehemalige portugiesische Mogador.

Nach Casa

Von Essaouira brach ich gleich am nächsten Tag wieder auf. Nach dem Frühstück ging ich ohne konkretes Reiseziel zum Busbahnhof und studierte die angeschriebenen Zielorte. Meine Wahl fiel auf Casablanca – ohne genau zu wissen, warum. Ich fragte, wann der nächste Bus nach Casa – wie die Stadt alle nannten – fuhr, ließ mich mich zum passenden Schalter dirigieren und kauft eine Fahrkarte: ein kleiner Papierabriss, auf dem handschriftlich der Fahrpreis vermerkt war und beinahe unleserliche Kringel wohl den Zielort angaben. Der freundliche Mann am Schalter gab mir zu verstehen, zu welcher Uhrzeit ich mich wieder hier einfinden solle – und so hatte ich noch knapp 1 1/2 Stunden Zeit. Da ich meinen voll bepackten Rucksack und meine Tasche nicht alleine lassen wollte, vertrieb ich mir die Zeit in der Wartehalle am Busbahnhof größtenteils damit, die Menschen zu beobachten, die kamen und wieder gingen. Immer wieder füllte sich der Raum mit Menschen. Dann erschien jemand, der lautstark einen Ortsnamen ausrief, worauf sich ein Teil der Wartenden um denjenigen scharte, ihm folgte und die Halle schlagartig wieder leerer wurde. 

Je länger ich wartete, desto bewusster wurde mir, dass ich unter all den deutlich südländisch aussenden Männern, Frauen und Kindern als hellhäutiger, blonder Europäer so richtig herausstach. Und in der gesamten Wartezeit sah ich nur zwei weitere Menschen, die als europäische Touristen erkennbar waren. Offenbar hatte ich mich für eine Reiseart und -Route entschieden, die mich abseits der ausgetretenen Touristenpfade führte. 

Und schon das Einsteigen in den Bus gestaltete sich deutlich anders als auf der ersten Fahrt. Nachdem der freundlich Mann vom Verkaufsschalter extra auf mich zukam, um mir zu sagen, dass mein Bus nun fahren würde und ich seinem Kollegen folgen solle, zog ein kleiner Tross von Fahrgästen mitsamt Gepäck los: erst aus der Wartehalle heraus, quer über den Busbahnhof, den wir dann zu Fuss verließen. Ich war erstaunt darüber, fühlte ich auch ein wenig unsicher, folgte aber einfach den anderen Menschen, die das gleiche Ziel hatten wie ich. Nach ein paar Minuten Fussweg gelangten wir zu einer vierspurigen Straße, an der uns bedeutet wurde, zu warten. Der Bus kam dann auf der Gegenseite an, wendete an der nächsten Stelle, an der der befestigte Mittelstreifen unterbrochen war und hielt am Straßenrand an. Unser Gepäck wurde verladen – die angekündigten 5 Dirham Gepäckgebühr waren in passendem Kleingeld an den Mann zu entrichten, der die Koffer und Taschen im Bauch des Buses verstaute – und ich betrat den Bus, der von aussen wie ein halbwegs moderner Reisebus aussah. Aber er war deutlich anders als der erste Bus: keine Klimaanlage, die dunklen Vorhänge alle vorgezogen, um die Sonne so weit wie möglich draussen zu halten und die Sitze schon etwas betagt – wenn auch einigermaßen bequem gepolstert und sauber. 

Ich suchte mir einen Platz weiter hinten im Bus und fand noch einen Doppelsitz für mich alleine. Es ging auch gleich los und der Fahrtwind offenbarte den Ersatz für die Klimaanlage: zwei Dachluken, die beide ein wenig ausgestellt waren. Da die ursprünglich dafür gedachte Mechanik offenbar schon defekt war, hatte der Schaffner – der neben dem Fahrer an Bord war und später auch kassierte – eine halb gefüllte kleine Wasserflasche zwischen Lukendeckel und Busdach geklemmt. Nach kurzer Fahrt sprach ein Fahrtgast den Schaffner an, worauf dieser in der Hutablagen kramte und eine größere, ebenfalls teilweise mit Wasser gefüllte Flasche hervorzauberte, durch die er die kleine Flasche ersetzte. Offensichtlich wurde er gebeten, für etwas mehr Frischluft und Fahrtwind zu sorgen – was bei strahlendem Sonnenschein und Außentemperaturen um die 30 Grad auch sehr angenehm war.

Wir verließen die Stadt und fuhren über Landstraßen, durch kleine Dörfer und etwas größere Städtchen. Immer wieder hielt der Bus in den Orten an und ließ Fahrgäste aus- oder zusteigen. Manchmal ging das ganz schnell, manchmal wurden aber auch große Säcke in den Kofferraum des Busses verladen. Teilweise mit landwirtschaftlichen Produkten, einmal aber auch mit vielen leere Plastikwasserflaschen. Und weil ich bereits danach gefragt worden bin: Nein, es wurden keine Hühner, Schafe oder Ziegen verladen – wenngleich auch der eine oder andere Fahrgast einen merklichen Stallgeruch mit hereinbrachte. In den kurzen Haltepausen wurde mir immer ganz schnell bewusst, wie sehr die Sonne draussen inzwischen brannte und wie wohltuend der Fahrtwind kühlte. 

Pause an der Moschee

Nach zwei bis drei Stunden hielten wir am zentralen Platz eines etwas größeren Städtchens. Anfangs war mir nicht klar, dass das eine längere Pause werden sollte, da ich die Ansage des Schaffners zwar hörte, aber nicht verstand. Als der Bus sich dann nach und nach leerte bis ich fast alleine zurückgeblieben war, stieg ich aus uns fragte den Schaffner radebrechend, ob das jetzt eine längere Pause wäre, worauf er mir als Antwort mit Kugelschreiber die Zahl 15 auf seine Handfläche schrieb und mir damit und ein paar unterstützenden Worten zu verstehen gab, dass wir in einer viertel Stunde weiter fahren würden. 

Ich nutzte die Pause, um als erstes auf der Suche nach einer Toilette zu gehen – die ich dann direkt beim Eingang zur Moschee, die sich an dem zentralen Platz befand, fand. Dabei lernte ich, dass es auf dem Land eine gute Strategie ist bei der Suche nach öffentlichen sanitären Anlangen in Richtung des Moschee-Turms zu orientieren. Danach kaufte ich an einem der vielen kleinen Verkaufsstände am Platz Brot und etwas Verpflegung und ein paar Süßigkeiten für die weitere Fahrt – denn nur Wasser und Datteln hatte ich mitgebracht. 

Gut ausgestattet und langsam etwas nervös, den Bus verpassen zu können, hielt ich Ausschau, wurde dabei aber noch nervöser: ich erkannte meinen Bus nicht mehr. Auf dem Platz wartete nicht nur meiner, sondern gleich ein ganzes Dutzend! Nach kurzem Umherirren fing ich an, nach dem Bus nach Casa zu fragen und mir wurde freundlich und hilfsbereit der richtige bedeutet. Selbst als ich davor stand, erkannte ich ihn nicht sofort – erst als ich einstieg und den inzwischen vertrauten Anblick wahrnahm, ließ meine Nervosität wieder nach.

Der Geruch von Oliven

Weiter ging es durch unterschiedliche Landschaften und Dörfer und Städtchen als plötzlich ein überaus intensiver Geruch nach Oliven den Bus durchströmte. Noch war nicht erkennbar, woher dieser rührte. Es mehrten sich die Häuser am Straßenrand, eine Ortschaft bildete sich. Läden und Werkstätten links und rechts. Und vor einem der Läden lag auf einer befestigten Fläche ein großer Berg dunkler Oliven. Männer waren umwegen und waren an den Oliven mit großen Schaufeln zu Gange. Nun hatte sich das Geheimnis des Olivengeruchs gelüftet, der sich in der Nase schon angekündigt hatten, noch lange bevor das erste Haus sichtbar wurde.

Auf Tuchfühlung

Etwas später kam ich mit einem freundlichen älteren Mann ins Gespräch, der in der Sitzreihe direkt vor mir saß. Erst sprachen wir über die Lehne seines Sitzes hinweg bis er fragte, ob er sich neben mich setzen dürfe. Wir sprachen weiter miteinander – bis ich seine Hand auf meinem Oberschenkel spürte, die er vorsichtig unter der Jacke auf seinem Schoß auf meine Seite geschoben hatte. Ich war erstmal überrascht und legte nach kurzem Zögern seine Hand ebenso vorsichtig und diskret auf seine Seite zurück wie sie bei mir angekommen war. Wir sprachen noch etwas weiter bis er wieder auf seinen ursprünglichen Platz zurück wechselte. 

Rauswurf

Nach einigen weiteren kleinen Ortschaften, längeren Abschnitten über Land und unvermittelten Halten zum Ein- und Aussteigen bemerkte ich, wie sich zwischen dem älteren Mann vor mir, seinem Begleiter und dem Schaffner eine hitzige Diskussion entwickelte. Aus den Gesprächsfetzen, die ich erfassen konnte, erschloss ich, dass die beiden Männer wohl keine gültige Fahrkarte hatten und es im inzwischen vollen Bus nicht mehr ausreichend Sitzplätze für alle gab – und Stehplätze auf der mehrere hundert Kilometer langen Überlandfahrt wohl nicht vorgesehen waren. Die Auseinandersetzung wurde immer heftiger bis der Bus auf freier Strecke hielt und ein fast komplett weiß uniformierter Mann einstieg, mit den beiden Männer kurz sprach und sie dann sehr bestimmt aus dem Bus hinauskomplimentierte. Er trug keine Polizeiuniform, die kannte ich bereits, aber sie verlieh im offenbar ausreichend Autorität, so dass sich die beiden Männer mit ihm nicht auf die gleiche, heftige Diskussion wie mit dem Schaffner einlassen wollten. 

Wir standen noch viele Minuten am Straßenrand, draußen wurde weiter diskutiert und im Bus wurde es mangels Fahrtwind immer wärmer und stickiger. Endlich fuhren wir dann weiter, ließen aber die beiden Männer und den Uniformierten zurück. Beim Wegfahren sah ich noch wie der Jüngere der beiden sein Handy aus der Tasche zog, um zu telefonieren – vermutlich versuchten sie jemanden zu erreichen, der sie von diesem Ort abholte. 

Halt auf der Autobahn

Nach einigen Stunden Fahrt wechselten wir von Landstraßen auf eine Autobahn. Sehr unerwartet hielt der Bus auf der rechten Fahrspur kurz vor einer Brücke, die die vierspurige Trasse querte. Einige Männer stiegen aus, kletterten die Böschung hoch und während der Bus wieder anfuhr, konnte ich noch sehen, wie sie über die Brück auf die andere Seite gingen. Dass überall gehalten wurde, wo jemand aus- oder einsteigen wollte, hatte mich in den Dörfern und teilweise rechte engen Landstraßen nicht weiter gewundert – aber mitten auf der Autobahn überraschte es mich doch sehr.

Casa

Die gut ausgebaute Autobahn hatte es schon angekündigt, wir näherten uns Casa. Der Bus bewegte sich durch ein endlos scheinendes Häusermeer – Großstadt. Als ich schon meinte, wir würden wieder aus der Stadt hinaus fahren, ging es dann doch noch Richtung Busbahnhof. Angekommen. Endlich. Nach gut 7 1/2 Stunden Fahrt. Voller Eindrücke, aber müde. Ich gönnte mir ein Taxi zu dem Hotel, das ich während der Fahrt kurzentschlossen online gebucht hatte. Zwei Tage und drei Nächte in der „Weißen Stadt“ lagen vor mir. 

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