LSBTI*-freie Zone?

Als ich kürzlich von einer polnischen Zeitung las, die “LSBT-freie Zonen” propagieren und entsprechende Aufkleber verteilen würde1, weckte das eigene Erinnerungen an ein Erlebnis in Polen.

Stettin, Hauptbahnhof, wir warten auf den Zug nach Swinemünde. Auch wenn wir die Ansage auf dem anderen Bahnsteig nicht verstehen, wird schnell klar, dass der für dort geplante Zug an dem Bahnsteig halten wird, an dem wir warten. Eine größere Menge Menschen setzt sich in Bewegung, treppauf, treppab, Hektik. Wir beobachten das kleine Spektakel, es kehrt wieder Ruhe ein – und im letzten Moment kommt eine junge Frau im Laufschritt die Treppe herunter gestürmt, um den Zug noch zu erwischen, dessen Türen sich kurz nach ihr schließen.

Zwei Details fielen mir an der Frau auf, obwohl alles so schnell ging: sie hatte eine Regenbogen-Stofftasche über die Schulter gehängt – genau die gleiche, die ich mir letztes Jahr in einem dänischen Krusch-Laden in Stockholm gekauft hatte. Und sie wirkte ziemlich butch.

Mutig, dachte ich im ersten Moment. In Polen. Offenbar waren die negativen Nachrichten, die ich in letzter Zeit über dieses Thema in Polen mitbekommen hatte, sehr präsent in meinem Kopf. Aber auch die Erinnerung daran, dass einige BiBerliner*innen letztes Jahr ganz bewusst am CSD in Stettin teilgenommen hatten, um die dortige queere Community zu unterstützen und auch Kontakte zu Gruppen in anderen polnischen Städten pflegen.

Noch am gleichen Abend ging ich in Swinemünde für Abendessen und Frühstück auf unserem Hausboot einkaufen. Der nächste Supermarkt war gut einen Kilometer entfernt und erinnerte mich ein wenig an deutsche Discounter in früheren Zeiten als Warenpräsentation dort noch überhaupt nicht relevant war. An der Kasse reichte dann die Stofftasche mit dem Logo eines deutschen Supermarkts nicht für meinen gesamten Einkauf, also zog ich meine eigene Regenbogenstofftasche hervor, die ich immer bei mir hatte und zuhause regelmäßig bei Einkäufen nutze. Das Vorbild der jungen Frau am Bahnhof hat mir dazu einen kleinen, aber wohl den entscheidenen Anstoß gegeben; den Anstoß, mich im Bruchteil einer Sekunde für meine eigene Tasche zu entscheiden statt den Kassierer um eine zu bitten.

In dem Moment, in dem ich die Tasche dann herausnahm und anfing, mein restlichen Einkäufe darin zu verstauen, merkte ich, wie sie mein Inneres veränderte. Ich würde nervös. Ich versuchte, ohne zu auffällig zu wirken, zu erfassen, ob sich das Verhalten des Kassierers und der anderen Kunden vor und hinter mir veränderte. Mit einem doch leicht mulmigen Gefühl ging ich mit den beiden Taschen zurück zu unserer Unterkunft – und bemerkte, dass ich auch dabei nicht so ruhig und entspannt war wie zuhause in der gleichen Situation. Es war eine diffuse Angst in mir; eine Angst, dass etwas passieren könnte, micht jemand anpöbeln oder gar körperlich angreifen könnte. Es passierte: Nichts.

Im nachhinein frage ich mich, ob ich paranoid war und mir Gedanken machte, die in diesem Moment völlig unnötig waren. Oder war ich einfach nur leichtsinnig? Als Außenstehender werde ich nicht wirklich erfahren können, wie es sich in einer anderer Gesellschaft als queerer Mensch lebt; ich kann nur lesen und hören, was Andere erzählen. Insofern wäre es interessant zu wissen, wie die junge Frau ihren Alltag in ihrem Umfeld erlebt.

Für mich bleibt die Erfahrung meiner eigenen, nach außen kaum merklichen, aber innerlich deutlichen Veränderung bei mir selbst in dieser konkreten Situation. Und dieses kleine Erlebnis zeigt mir auch, wie gut es mit in meinem eigenen Lebensumfeld geht.


  1. https://www.bbc.com/news/world-europe-49037275

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