Schwul-Sein ist nur eine Phase!

Dieser provokante Satz ging mir in letzter Zeit häufiger durch den Kopf und ich habe das Bedürfnis, meine Gedanken dazu aufzuschreiben. Und um es gleich vorweg zu nehmen: als pauschale Aussage halte ich diesen Satz nicht für richtig – auch wenn er bei mir persönlich zutrifft.

„Bi-Sein ist nur eine Phase“ („being bi is just a phase“) – wer hat das nicht schon irgendwo mal gelesen oder gehört, wenn die eigene sexuelle Orientierung irgendwo im Kontinuum zwischen hetero und schwul/lesbisch liegt. In Gesprächen mit Schwulen, die auf meine Aussage, ich wäre im Bisexuellen Netzwerk aktiv, mit skeptisch bis ungläubigen Kommentaren reagierten, fing ich an, von meiner „schwulen Phase“ zu sprechen – um den Vorwurf, man wäre ja einfach noch nicht richtig „angekommen“, auf provokante Weise an die Absender zurück zu spiegeln. 

Mein erstes Coming-Out war ein schwules. Ich hatte mich einen Mann verliebt, es kam der erste Sex mit einem anderen Menschen dazu, Partnerschaft, Zusammenleben. Er hat sich als durch und durch schwul definiert und war sehr im politischen Schwulen-Aktivismus der 1980er und 90er verhaftet. Nicht nur er, sondern auch viele schwule Männer, die ich in dieser Zeit kennenlernte, schienen sich nicht nur über ihr Interesse an Männern zu definieren, sondern auch über ihre – teilweise schon fast fanatische – Ablehnung von Frauen. Tucken, Tunten und Fummeltrinen waren zwar Teil der schwulen Szene, mit vermeintlich „weiblichen“ Eigenschaften wurde durchaus auch augenzwinkernd gespielt – aber eine „echte“ Frau? Igitt! Auch über die Lesben, die sich damals vermehrt in die örtliche homo-bewegte Organisation mit ihren rein schwulen Anfängen einbrachten, wurde gelästert, wenn man(n) „unter sich“ war – und die Zusammenarbeit mit ihnen bestenfalls als notwendiges Übel gesehen.

Zwar kreisten meine Gedanken schon vor diesem Coming-Out um Männer und Frauen, aber die Männer-Seite war stärker – und mit Verliebtsein und Sex schien dann alles klar zu sein: ich bin schwul. Nach ein paar Jahren Beziehung meldete sich das Interesse an Frauen zurück – was ich anfangs auch meinem Mann gegenüber nicht aussprach, weil die Misogynie meines Umfeldes mir unterschwellig sagte, dass es nicht leicht werden würde. Irgendwann musste es dann doch raus. Es war nicht einfach. Nicht für mich und nicht für ihn. Aber am Ende waren der Schwule und der Bisexuelle weiterhin ein Paar.

Unsere Beziehung ging zwar irgendwann in die Brüche, aber die Trennungsgründe waren letztlich genauso profan wie bei anderen Paaren. Meine Bisexualität war nicht der Grund. Wir waren weiterhin gute Freunde und ich war auch mit meiner späteren Frau regelmäßig bei ihm zu Besuch und auf Geburtstagsfeiern eingeladen. Bei einer solchen Feier zeigte sich dann im Verhalten der gemeinsamen schwulen Bekannten, dass ich für sie nicht mehr „dazu“ gehören würde. Auch wenn die Ablehnung nicht offen ausgesprochen wurde – in der früher nicht da gewesenen Distanz, die im Umgang mit mir spürbar war, wurde das sehr deutlich.

Um wieder zu meinem provokanten Satz am Anfang zurück zu kommen: für mich war das Schwul-Sein tatsächlich nur eine Phase auf meinem Weg zu meiner bisexuellen Identität. Und leider keine freiwillige – denn wäre mein queeres Umfeld damals offener gewesen, hätte ich mich nicht erst hinter einem Label verstecken müssen, das sich dann doch als unpassend herausgestellt hat.

Deshalb, liebe Schwule und Lesben: wenn für Euch „Bi-Sein“ nur eine Zwischenstation zu Eurer schwulen oder lesbischen Identität war oder ihr Menschen kennt, für die das so war – fein. Aber leitet daraus bitte keinen wie auch immer gearteten Anspruch auf Allgemeingültigkeit ab. Danke!

3 Gedanken zu „Schwul-Sein ist nur eine Phase!“

  1. Ich werde es wohl nie verstehen, warum ein Mensch nicht einfach einen Menschen lieben kann ohne dass andere werten und nur ihre Art der Liebe akzeptieren.
    Für mich war Bi eine Phase. Aber eine, die ich nicht missen möchte. Jetzt bin ich schwul.

  2. Ich habe in meinem bisherigen Leben so einige Outings hinter und bestimmt auch noch vor mir.

    Waren wie sind die Zustände und Zuschreibungen (Hetera, Lesbe, bisexueller Mensch, nonbinärer Transmann mit schwulem Begehren) nun (nur) Phasen oder wichtige Stationen in meinem Unterwegssein?

    Meine Selbstdefinition wie mein Empfinden sind zwar uneindeutig, doch für mich wie mein nahes und näheres Umfeld klar.
    Ich weiss mittlerweile, dass die (empfundene) Unklarheit vom Gegenüber nicht (mehr) meine Baustelle und ein gutes Indiz für das Gesehen werden ist.

    Allgemeingültigkeit existiert für mich im biographischen Rahmen nicht – mich interessiert das jeweilige Gegenüber und die (momentane) Selbstdefintion:).

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